Sind Ad-Blocker unmoralisch?

13.11.2018 - Michael Kornfeld

Ad-Blocker werden derzeit von grob 10% der Internet-User eingesetzt. Diese Prozentzahl könnte sich rasch wesentlich erhöhen – zum Beispiel durch die Ankündigung der Mozilla Foundation (Hersteller von Firefox), restriktiver gegen Tracking vorzugehen (wir haben darüber berichtet).

 

Doch welche Konsequenzen haben solche Tools? Wir haben ein Interview mit Eugen Schmidt, Geschäftsführer des digitalen Kommunikationsspezialisten AboutMedia, zu diesem Thema geführt:

 

Hallo Eugen! Du bist ja ein klarer Gegner von Ad-Blockern. Warum eigentlich?

Ganz einfach: Weil sie unfair sind. Denn viele Websites stellen mit großem Aufwand hochwertige Inhalte her, die kostenlos den Besuchern zur Verfügung gestellt werden. Dieser Aufwand muss meist durch Werbung re-finanziert werden.

 

OK. Aber ist der Schaden wirklich so groß?

Ich denke, viele vergessen bei der Diskussion, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat. Wenn alle Ad-Blocker verwenden würden, dann hätten viele Websites keine Einnahmen mehr – und könnten es sich nicht mehr leisten, hochwertige Inhalte zu erstellen. Dahinter stecken aber auch Arbeitsplätze und Einzel-Schicksale!

 

Das bedeutet: Wenn jemand einen Ad-Blocker einsetzt, dann müssen andere für die Erstellung der Inhalte bezahlen. Und das ist im Grunde Schmarotzertum.

 

Ist nicht ein Grund für die Beliebtheit der Ad-Blocker, dass Werbung oft nervig ist?

Das mag schon sein – und ich denke auch, dass Werbung manchmal qualitativ besser sein sollte. Doch ich gehe einfach von mündigen Konsumenten aus: Jeder weiß doch, dass Werbung nun mal notwendig ist, um Inhalte zu finanzieren. Ich kann doch auch nicht im Wirtshaus ein Schnitzel bestellen und dann ohne bezahlen gehen, nur weil mir der Teller nicht gefällt.

 

Es ist ganz einfach und günstig, Fake-News oder andere schlechte Inhalte ins Netz zu stellen. Aber hochwertige, sorgfältig recherchierte und gut geschriebene Artikel haben – leider – oft viel geringere Reichweite, bei viel höherem Aufwand.

 

Das ist meiner Meinung nach sogar demokratie-politisch wichtig!

 

Demokratie-politisch? Wie meinst Du das?

Am Ende des Tages ist es ein Deal den der User eingeht: Er bekommt kostenlose Inhalte auf der einen Seite und die Werbewirtschaft erhält dafür seine Aufmerksamkeit auf der anderen Seite. Es wird somit dem Medienunternehmen die Möglichkeit gegeben, für die Finanzierung dieser Inhalte aufzukommen.

 

Das ist ja auch demokratie-politisch wichtig. Over-the-top Dienstleister wie  Google oder Facebook werden immer mehr zu einem Gatekeeper. Sie können immer mehr darüber bestimmen, welche Inhalte wir sehen – auch, welche Werbung.

 

Doch die Medienvielfalt ist unendlich wichtig, um unterschiedliche Meinungen zu bekommen und nicht nur Fake-News oder Inhalte eines Bubbles. Das gilt übrigens auch für Werbung: Auch hier ist eine Vielfalt an Möglichkeiten für Werbetreibenden doch sehr wichtig – wenn es nur noch ein paar riesige Werbenetzwerke gibt, ist man den Googles dieser Welt alternativlos ausgeliefert.

 

Viele setzen die Ad-Blocker ein, weil sie nicht ausspioniert werden möchten.

Wir sollten davon ausgehen, dass die Konsumenten auch mündige Bürger sind und das Recht auf Selbstentscheidung sollten wir ihnen auch nicht nehmen. Wenn man eine Kundenkarte beim Supermarkt einsetzt, weiß man auch, dass man den 10% Rabatt auf ein Waschmittel am Ende mit seinen Daten bezahlt. Und das ist bei Online-Werbung vergleichbar.

 

Der Vorteil davon ist ja auch, dass Werbung so wesentlich persönlicher – und damit relevanter – werden kann. Damit kann ich daraus als Werbekunde einen Mehrwert gewinnen! Erst gestern bin ich durch Online-Werbung auf ein Weihnachtsgeschenk aufmerksam gemacht worden, dass ich auch gleich bestellt habe.

 

Wichtig ist natürlich, dass die User darüber informiert werden, welche Daten sie Preis geben. Ich denke auch, dass die Transparenz heute noch nicht gut genug ist. Doch das liegt auch an schlechten und schwammigen Gesetzen, die zu viel Raum für Interpretation lassen und allzu oft unklar sind.

 

Hat die Industrie nicht einfach verschlafen, ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufzubauen?

Es wurde tatsächlich viel verschlafen, aber hier braucht es auch gesetzliche Rahmenbedingungen die unterstützen. So hat das Internet User an eine „free-lunch“ Mentalität gewöhnt. Wir haben es nicht gelernt für Inhalte, außer durch Daten, zu zahlen. Das kostenlose Angebot war zu groß um dann auf Bezahlmodell umzustellen.

 

Dies kann im hochqualitativen Bereich zwar funktionieren, es bleiben dann aber 2-Klassen Inhalte: Bezahlte Inhalte mit hoher Qualität oder kostenlose Inhalte mit niedriger Qualität. Der einzige Ausweg daraus ist eben Werbung.

 

Gut recherchierte, kritische Inhalte anzubieten ist einfach mit Aufwand verbunden. Und der muss irgendwie finanziert werden. Wenn das nicht gelingt, wird es solche Inhalte irgendwann nicht mehr geben.

 

Insbesondere in einer Diskussion um Fake-News verstehe ich absolut nicht, warum wir bereit sind € 10.- im Monat für Netflix zu zahlen aber meritorische Güter wie Ö1 nicht mitfinanzieren wollen.

 

Wie sieht also Dein Fazit, Deine Empfehlung aus?

Jeder, der einen Ad-Blocker einsetzt, sollte sich Gedanken über die Konsequenzen machen. Und darüber nachdenken, ob er in einer Welt leben möchte, in der es kaum mehr kritische Inhalte gibt und wir konsumieren müssen, was uns wenige große Gatekeeper präsentieren.

 

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